Hinweis: Der folgende Text ist erzählerisch aus der Ich-Perspektive geschrieben (fiktive Erzählerstimme).
Ich erinnere mich an den Geruch von kaltem Papier in einer Wohnung, die zu groß war für die Stille darin. Draußen hing der Januar wie ein grauer Vorhang über der Straße, und drinnen stand ich mit einer Tasse Tee am Fenster, als hätte ich vergessen, wie man sich setzt, wie man die Schultern senkt, wie man in den Körper zurückkehrt. Ich war nicht traurig im üblichen Sinn. Eher… ausgedünnt. Als hätte mein Alltag mir die Farben aus den Händen gezogen und sie irgendwo hinter dem Bildschirm versteckt. Und genau da – an diesem stillen Punkt – lag plötzlich ein Blatt Papier auf dem Tisch, das ich nicht einmal bewusst hingelegt hatte. Ein leeres, strenges Rechteck. Und mitten darin, wie ein winziges Versprechen: ein kaum sichtbarer Bleistiftkreis. Ich hatte ihn im Vorbeigehen skizziert, ohne Absicht, wie man unbewusst den Rand eines Glases nachzeichnet.
Ich nenne diesen Moment heute „der Kreis hat mich gefunden“. Es klingt esoterisch – und ja, es ist es auch. Aber nicht im Sinne einer Show. Eher wie ein kleines inneres Klicken, das nicht erklärt werden will. Der Kreis war da, und er war rund, obwohl ich mich nicht rund fühlte. Er war geschlossen, obwohl in mir vieles offen war. Und ich merkte: Ich will etwas, das mich hält, ohne mich festzunageln. Ein Muster, das mich führt, ohne mich zu beherrschen.
Also setzte ich mich. Ich nahm den Bleistift – einen, der schon stumpf war, weil ich ihn lange nicht benutzt hatte – und machte aus diesem ersten Kreis einen zweiten, dann einen dritten. Es war kein Plan. Es war eher wie Atem. Ein Kreis auf dem Papier, ein Atemzug im Brustkorb. Ich zeichnete langsam. Ich ließ meine Hand so tun, als wüsste sie, wohin. Einmal rutschte die Linie aus, sie wurde eierig. Und ich spürte sofort, wie mein innerer Kritiker aufsprang, geschniegelt und geschniegelt wie ein alter Lehrer: „Das ist schief.“ Doch an diesem Abend war ich müde genug, um ihm nicht zu gehorchen. Ich ließ die Schiefe stehen. Ich machte sie zum Anfang eines Blattes, das nicht „perfekt“ sein musste, sondern wahr.
In den folgenden Stunden – und ja, es waren Stunden, obwohl es sich anfühlte wie zwanzig Minuten – kam etwas zurück, das ich lange vermisst hatte: ein leiser Flow. Ich zeichnete Blütenblätter, ohne zu wissen, warum ausgerechnet Blüten. Vielleicht, weil ich mich nach Frühling sehnte. Ich zeichnete kleine Punkte zwischen den Segmenten, wie Sternenstaub. Ich zeichnete Bögen, die sich wiederholten, und merkte, wie mein Nervensystem anfing, sich zu beruhigen. So, als würde das Muster auf dem Papier ein Muster in mir anstoßen: Ordnung, aber nicht kalt. Struktur, aber nicht hart.
Manchmal frage ich mich, ob Mandalas deshalb so wirken, weil sie eine uralte Sprache sprechen. Der Kreis ist ein archetypisches Symbol. Viele Traditionen – Buddhismus, Hinduismus, christliche Rosettenfenster, keltische Knoten – haben ihn als etwas Heiliges verstanden. Und obwohl ich nicht jeden Tag im Tempel sitze, spüre ich: In mir gibt es einen Ort, der auf diese Form antwortet. Vielleicht ist es die Erinnerung an den Mutterleib, an das Umschlossensein. Vielleicht ist es das Versprechen, dass alles, was nach außen ausfranst, irgendwo wieder zurück in die Mitte findet.
In dieser Woche begann ich, das Zeichnen als kleines Ritual zu behandeln. Ich stellte den Tee nicht nur hin, ich bereitete ihn zu. Ich räumte den Tisch frei, als würde ich einen kleinen Altar bauen – nicht für eine Religion, sondern für die Möglichkeit, mich selbst zu treffen. Ich zündete eine Kerze an. Ich setzte eine Intention, ganz leise: „Ich möchte mich wieder spüren.“ Dann zeichnete ich, und wenn Gedanken kamen – Rechnungen, Nachrichten, Erinnerungen – ließ ich sie an den Linien entlanglaufen, wie Wasser, das sich in Rillen sammelt und weiterfließt.
Es gab einen Moment, kurz bevor ich ins Bett ging, da hielt ich inne und starrte auf die Mitte meines Mandalas. Ich hatte sie nicht ausgefüllt, sie war ein leerer Kreis geblieben. Und plötzlich verstand ich: Das Zentrum muss nicht immer „voll“ sein. Manchmal ist es heilig, weil es Raum lässt. Ein stiller Punkt, der nicht konsumiert werden will. Ich atmete, und in diesem Atemzug war etwas wie eine kleine Erlaubnis: Du darfst unfertig sein. Du darfst schief sein. Du darfst dich in Kreisen bewegen, solange du dich dabei wiederfindest.
Am Ende dieser Woche hing das Mandala an der Wand. Nicht als Kunstwerk im klassischen Sinn, eher als Erinnerung. Immer wenn ich daran vorbeiging, sah ich die Stelle, an der die Linie eierte. Und statt Scham spürte ich Zärtlichkeit. Das war die erste Lektion: Das Mandala zeigt nicht nur Symmetrie. Es zeigt auch, wie ich mit Abweichungen umgehe. Und diese kleine Abweichung wurde zum Tor. Ein Tor in einen Weg, der seitdem nicht „schnell“ ist, aber echt. Ein Weg über Papier, Bleistift, Atem – hinein in die Mitte.