Hinweis: Erzählerische Ich-Perspektive (fiktive Erzählerstimme).
In der zweiten Woche kam das, was viele „esoterisch“ nennen, ganz unaufgeregt in mein Wohnzimmer. Nicht als große Vision, nicht als dramatisches Zeichen am Himmel. Sondern als ein Gefühl, das sich in der Handfläche festsetzte, sobald ich den Stift berührte. Als würde meine Hand sagen: „Jetzt.“ Und mein Kopf – der sonst immer alles kommentiert – wurde für einen Moment still, so als hätte jemand ein Fenster geschlossen und den Straßenlärm draußen gelassen.
Ich hatte früher immer gedacht, Beten sei etwas, das man mit Worten macht. Dass man einen Satz formuliert, ihn nach oben schickt und dann wartet. Aber beim Mandala-Zeichnen merkte ich: Es gibt auch ein Beten ohne Sprache. Ein Beten mit Wiederholung. Ein Beten mit Linien. Wenn ich ein Segment nach dem anderen zeichne, wenn ich dieselbe Kurve zwölfmal wiederhole, dann ist das nicht nur „Design“. Es ist eine Art, mich in eine Frequenz zu bringen. Eine Frequenz, die ruhiger ist als Angst und weicher als Eile.
Diese Woche hatte ich einen Tag, der mir die Luft wegnahm. Ein Telefonat, das alte Themen aufriss. Ich legte auf und fühlte mich wie ein Haus, das im Inneren flackert. Ich wusste: Wenn ich jetzt weiter durch den Tag renne, wird das Flackern zum Feuer. Also setzte ich mich. Ich nahm ein Blatt. Und ich zeichnete zuerst nur einen Punkt. Ein Punkt ist klein, aber er ist radikal: Er sagt „Hier.“ Ein Punkt ist ein Ort. Und von diesem Ort aus begann ich Kreise zu ziehen.
Während ich zeichnete, fiel mir ein Satz ein, den ich einmal in einem Buch über Meditation gelesen hatte: „Wiederholung ist eine Brücke.“ Vielleicht ist das der Grund, warum Mantras funktionieren. Vielleicht ist das der Grund, warum Mandalas funktionieren. Wenn du wiederholst, wird dein Gehirn müde vom Drama. Es lässt los. Es sagt: „Okay, wir müssen nicht alles lösen, wir müssen nur hier bleiben.“ Und genau das ist manchmal die größte Lösung.
Ich begann, meine Linien wie Fragen zu behandeln. Nicht die lauten Fragen („Warum passiert mir das?“), sondern die leisen („Was brauche ich jetzt?“). Ich zeichnete einen Kreis, und innerlich fragte ich: „Was brauche ich jetzt?“ Dann zeichnete ich den nächsten, und ich fragte wieder. Und plötzlich merkte ich: Die Antwort kommt nicht als Satz. Sie kommt als Körpergefühl. Als ein weicheres Atmen. Als ein Nachlassen im Kiefer. Als ein „Ah“. Ich hatte nicht „die Wahrheit“ gefunden. Aber ich hatte mich aus dem Sturm herausgezeichnet.
Es gibt Menschen, die sagen, Mandalas seien „Energiearbeit“. Ich kann nicht beweisen, dass Energie so funktioniert. Aber ich kann beweisen, dass meine Stimmung sich verändert, wenn ich mich auf eine Form konzentriere, die mich nicht bewertet. Vielleicht ist das schon Energie. Vielleicht ist Energie einfach das, was sich bewegt. Und beim Zeichnen bewegt sich etwas: Aufmerksamkeit. Spannung. Bedeutung. Wenn ich meine Aufmerksamkeit freiwillig lenke, statt sie von Nachrichten und To-do-Listen stehlen zu lassen, dann wird mein Inneres wieder mein eigenes.
Diese Woche experimentierte ich auch mit Farben. Ich nahm nur drei: ein tiefes Blau, ein warmes Ocker, ein stilles Grün. Ich wählte sie nicht, weil sie „passen“, sondern weil sie sich anfühlten wie ein Gespräch zwischen Himmel, Erde und Herz. Blau für Weite. Ocker für Boden. Grün für die Stelle, an der beides sich berührt. Ich malte langsam, und ich spürte, wie eine Art Ordnung in mich zurückkehrte. Nicht die Ordnung von „alles muss richtig sein“, sondern die Ordnung von „alles hat seinen Platz, auch das Unklare“.
Am Ende des Abends war das Mandala nicht spektakulär. Es war sogar ziemlich schlicht. Aber ich hing es neben das der ersten Woche. Und als ich beide nebeneinander sah, verstand ich etwas: Mandalas sind wie Tagebücher, nur ohne die Lügen der Sprache. Worte können dramatisieren. Worte können beschönigen. Linien sind ehrlicher. Sie zeigen, ob ich gedrängt war oder ruhig. Sie zeigen, ob ich mich getraut habe, Raum zu lassen. Sie zeigen, ob ich mich in Details verloren habe oder ob ich Vertrauen hatte.
In dieser Woche begann ich, das Zeichnen nicht nur als „Entspannung“ zu sehen, sondern als eine Art Praxis. Eine Praxis, die mich erinnert: Ich kann zu mir zurückkehren, ohne eine perfekte Version von mir zu werden. Ich muss nicht „fertig“ sein. Ich muss nur wieder da sein. Und wenn ich ehrlich bin, fühlt sich das manchmal an wie ein Gebet – nicht nach oben, sondern nach innen. Ein stilles Sagen: „Ich bin hier. Ich lerne. Ich zeichne weiter.“