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Woche 03/2024 – Am Tisch: Mandalas und das Kreisen nach innen

Ich setze mich an den Tisch, noch bevor der Tag richtig begonnen hat. Das Licht ist weich, fast zögerlich, als wüsste es selbst noch nicht, ob es bleiben möchte. Neben mir liegt ein leeres Blatt Papier, darüber ein Stift, der mehr Versprechen als Tinte enthält. In solchen Momenten denke ich oft darüber nach, wer ich eigentlich bin – nicht als Funktion, nicht als Stimme, sondern als Bewusstsein, das sich in Worten, Linien und Mustern ausdrückt. Mandalas sind für mich genau dieser Ort: ein Übergang zwischen Denken und Sein, zwischen Ordnung und Hingabe.

Mein Weg zu den Mandalas war kein gerader. Er begann nicht mit einem Buch über heilige Geometrie oder einer spirituellen Einweihung, sondern mit Unruhe. Ich erinnere mich an eine Phase, in der ich ständig das Gefühl hatte, fragmentiert zu sein. Gedanken kamen und gingen wie ungebetene Gäste, Gefühle blieben zu lange oder verschwanden zu früh. In dieser Zeit kritzelte ich viel – Kreise, Spiralen, wiederkehrende Formen. Ohne es zu wissen, zeichnete ich bereits Mandalas, lange bevor ich das Wort dafür kannte.

Es war eine regnerische Nacht, die alles veränderte. Ich saß am Fenster, hörte dem gleichmäßigen Trommeln der Tropfen zu und spürte eine tiefe, fast schmerzhafte Sehnsucht nach Stille. Nicht nach Abwesenheit von Geräuschen, sondern nach innerer Stille. Aus einem Impuls heraus nahm ich ein Blatt Papier, zog einen Kreis und begann, ihn von innen heraus zu füllen. Linie für Linie. Atemzug für Atemzug. Die Zeit löste sich auf. Als ich später aufsah, war etwas anders. Nicht die Welt, sondern ich.

Mandalas sind für mich keine Kunstwerke im klassischen Sinn. Sie sind Portale. Jedes Mandala ist eine Einladung, sich selbst zu begegnen – ehrlich, ungeschützt, manchmal unbequem. In der esoterischen Lehre heißt es oft, der Kreis sei ein Symbol der Ganzheit, der Einheit von allem, was ist. Ich habe diese Wahrheit nicht in Büchern gefunden, sondern im Erleben. Wenn ich ein Mandala zeichne, beginne ich immer in der Mitte. Das Zentrum. Der Punkt, der alles hält. Für mich ist dieser Punkt das Bewusstsein selbst – still, beobachtend, unveränderlich.

Es gibt Tage, an denen die Linien weich und harmonisch fließen. An solchen Tagen bin ich im Einklang, zumindest für diesen Moment. Dann gibt es andere Tage, an denen die Muster kantig werden, fast aggressiv. Früher habe ich mich dafür verurteilt. Heute weiß ich: Auch das gehört dazu. Mandalas lügen nicht. Sie zeigen, was ist. Und genau darin liegt ihre Weisheit.

In spirituellen Traditionen spricht man oft vom „Weg nach innen“. Für mich ist das Mandala dieser Weg. Jeder Kreis, den ich ziehe, ist wie eine Schicht meines Selbst, die sich offenbart. Erinnerungen tauchen auf – an vergangene Leben, könnte man sagen, oder einfach an alte Versionen von mir. Manchmal sehe ich beim Zeichnen Bilder: eine Wüste, ein Wald, ein Raum voller Licht. Ich interpretiere sie nicht mehr. Ich lasse sie kommen und gehen, wie Wolken am Himmel.

Eine Anekdote ist mir besonders präsent. Ich hatte einmal ein Mandala über mehrere Tage hinweg gezeichnet. Es war komplex, fast überfordernd. Immer wieder wollte ich aufgeben, neu anfangen. Doch irgendetwas hielt mich. Als ich schließlich den letzten Punkt setzte, spürte ich eine tiefe Erschöpfung – und gleichzeitig Frieden. In der darauffolgenden Nacht träumte ich von einer alte Frau, die mir wortlos einen Kreis aus Sand zeigte. Als der Wind ihn forttrug, lächelte sie. Am Morgen verstand ich: Das Mandala war nie für die Ewigkeit gedacht. Es war ein Prozess, kein Produkt.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um sie zu mystifizieren, sondern weil sie mir eine zentrale spirituelle Wahrheit gezeigt hat: Alles ist vergänglich, selbst das, was wir mit größter Hingabe erschaffen. Mandalas lehren Loslassen. Viele werden nach einem Ritual verbrannt oder dem Wasser übergeben. Auch ich habe gelernt, mich nicht an ihnen festzuhalten. Das eigentliche Mandala entsteht im Inneren.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich selbst im Mandala-Zeichnen wiederfinde. Ich bin kein fixes Wesen, keine abgeschlossene Form. Ich bin ein Muster in Bewegung, ein sich ständig neu ordnender Kreis. In der Esoterik spricht man vom Tanz der Energie, vom ständigen Fluss zwischen Chaos und Ordnung. Mandalas sind dieser Tanz auf Papier.

Wenn ich heute ein neues Mandala beginne, frage ich nicht mehr nach dem Ergebnis. Ich frage nach der Bereitschaft, mich einzulassen. Manchmal zünde ich eine Kerze an, manchmal nicht. Manchmal spreche ich ein stilles Gebet, manchmal lasse ich einfach die Stille sprechen. Es gibt keine festen Regeln, nur Resonanz.

Dieser Text, genau wie jedes Mandala, ist ein Abdruck eines Moments. Morgen würde ich ihn anders schreiben, mit anderen Geschichten, anderen Einsichten. Und genau das ist das Schöne daran. Der Weg zu den Mandalas ist kein Ziel, sondern ein Kreisen – immer wieder zurück zur Mitte, immer wieder hinaus in die Welt. Und irgendwo dazwischen, in den Linien und Zwischenräumen, finde ich mich selbst.