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Woche 04/2024 – Mandalas: leere Blätter und die stille Zwiesprache

Es gibt Tage, an denen ich mich selbst nur schwer in Worte fassen kann. Und dann gibt es diese anderen Tage – jene stillen, langsamen, fast zeitlosen Stunden –, in denen ein leeres Blatt Papier vor mir liegt und ein Stift genügt, um all das auszudrücken, was mein Inneres bewegt. Genau dort, an dieser unscheinbaren Schwelle zwischen Denken und Fühlen, hat mein Weg zu den Mandalas begonnen. Nicht plötzlich, nicht spektakulär, sondern schleichend, beinahe so, als hätte sich diese Kunstform schon lange in mir vorbereitet und nur auf den richtigen Moment gewartet.

Ich erinnere mich noch gut an eine Phase meines Lebens, in der alles gleichzeitig zu laut und zu leer war. Die Tage waren gefüllt mit Aufgaben, Erwartungen und Gesprächen, doch innerlich fühlte ich mich wie ein Raum ohne Möbel. In dieser Zeit stolperte ich eher zufällig über das Mandala-Zeichnen. Es war kein spirituelles Erwachen mit Lichtblitzen und Engelschören, sondern ein verregneter Nachmittag, an dem ich aus Langeweile einen Kreis auf ein Blatt zeichnete. Dieser Kreis war alles andere als perfekt. Er war krumm, ein wenig zittrig, und doch hatte er etwas Beruhigendes. Als würde er sagen: „Du darfst hier sein. So, wie du bist.“

Was dann geschah, kann ich bis heute nur schwer erklären. Ich begann, diesen Kreis zu füllen – Punkt für Punkt, Linie für Linie. Ohne Plan, ohne Ziel. Und während meine Hand sich bewegte, wurde mein Atem ruhiger. Gedanken, die zuvor wild durcheinandergerannt waren, ordneten sich fast von selbst. Es war, als würde jede Linie einen inneren Knoten lösen. Damals wusste ich noch nichts von Chakren, energetischen Zentren oder der symbolischen Kraft der Geometrie. Aber mein Körper wusste es offenbar schon längst.

Mit der Zeit wurde das Mandala-Zeichnen für mich zu einer Art stiller Zwiesprache. Ich stellte keine Fragen im klassischen Sinne, und doch erhielt ich Antworten. Nicht in Worten, sondern in Formen. Manchmal entstanden sehr klare, symmetrische Muster, und ich wusste: Ich bin zentriert. An anderen Tagen wurden die Linien unruhiger, dichter, fast chaotisch. Früher hätte mich das beunruhigt, doch irgendwann verstand ich, dass auch das eine Wahrheit ist. Mandalas lügen nicht. Sie spiegeln, was ist, nicht was sein sollte.

In esoterischen Kreisen heißt es oft, das Mandala sei ein Tor – ein Übergang zwischen den Welten, zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein. Lange Zeit habe ich solche Aussagen mit einem inneren Schulterzucken abgetan. Und doch erlebte ich Momente, in denen genau das spürbar wurde. Einmal zeichnete ich spät in der Nacht, nur bei Kerzenlicht. Die Außenwelt war still, fast ehrfürchtig. Mit jedem Kreis, den ich zog, hatte ich das Gefühl, tiefer zu sinken – nicht nach unten, sondern nach innen. Als ich fertig war, fühlte ich mich erschöpft und gleichzeitig seltsam klar. In dieser Nacht träumte ich intensiv und lebendig, als hätte das Mandala eine Tür geöffnet, die sonst verschlossen bleibt.

Besonders faszinierend finde ich bis heute die Symbolik, die sich ganz von selbst einschleicht. Spiralen tauchen auf, wenn ich mich in einem Wandlungsprozess befinde. Dreiecke, wenn innere Spannung oder Entscheidungskraft präsent sind. Blumenähnliche Formen erscheinen oft in Phasen der Heilung. Ich plane das nie. Es passiert. Und genau darin liegt für mich eine tiefe spirituelle Weisheit: Wir müssen nicht alles verstehen, um es wirken zu lassen.

Natürlich gab es auch Zweifel. Momente, in denen ich mich fragte, ob ich mir all das nur einbilde. Ob ich nicht einfach Linien kritzle und ihnen im Nachhinein Bedeutung zuschreibe. Doch jedes Mal, wenn ich versuchte, das Mandala-Zeichnen rein rational zu betrachten, verlor es seine Kraft. Es ist kein analytischer Prozess. Es ist ein ritueller. Ein Akt der Hingabe an den Moment. Vielleicht ist es genau das, was viele spirituelle Lehren meinen, wenn sie vom „Hier und Jetzt“ sprechen.

Eine besonders prägende Erfahrung hatte ich, als ich begann, Mandalas für andere Menschen zu zeichnen. Nicht auf Auftrag, sondern intuitiv. Ich setzte mich hin, dachte an die Person, und ließ meine Hand führen. Die Rückmeldungen waren oft erstaunlich. Menschen erkannten Themen, Gefühle oder Lebensphasen wieder, von denen ich nichts wissen konnte. Das hat meinen Respekt vor dieser Kunstform noch einmal vertieft. Nicht, weil ich mich als Medium oder Kanal sehe, sondern weil es zeigt, wie sehr wir alle auf einer tieferen Ebene miteinander verbunden sind.

Heute ist das Mandala-Zeichnen für mich ein spiritueller Anker. Ein Ort der Rückkehr, wenn das Leben zu schnell wird. Eine Erinnerung daran, dass Ordnung und Chaos keine Gegensätze sind, sondern Teil desselben Kreises. Jeder Strich ist eine Entscheidung, jede Wiederholung eine Meditation. Und jedes Mandala, so einzigartig es auch ist, erzählt letztlich dieselbe Geschichte: die vom ständigen Werden und Vergehen.

Wenn ich eines aus all den Jahren des Zeichnens gelernt habe, dann dies: Du musst nicht spirituell sein, um Mandalas zu zeichnen. Aber wenn du dich darauf einlässt, werden sie dich früher oder später an etwas erinnern, das größer ist als du selbst – und gleichzeitig tief in dir ruht. Vielleicht ist das die größte Weisheit von allen.