Es gibt Momente im Leben, in denen man nicht sucht – und doch findet. Mein Weg zu den Mandalas war genau so ein Moment. Kein lauter Knall, kein spirituelles Erwachen mit Blitz und Donner, sondern eher ein leises Flüstern, das sich über Jahre hinweg immer wieder gemeldet hat. Rückblickend erkenne ich, dass dieses Flüstern immer da war, verborgen zwischen Linien, Kreisen und der stillen Sehnsucht nach Ordnung im Chaos.
Als Kind saß ich oft stundenlang am Küchentisch, während draußen das Leben tobte. Andere spielten Fußball oder fuhren mit dem Fahrrad durch staubige Straßen, doch mich zog es zu Papier und Stift. Ich zeichnete Muster, ohne zu wissen warum. Wiederholungen, Spiralen, Kreuzungen. Meine Großmutter nannte es „Gedankenfangen“. Sie war eine Frau, die an Dinge glaubte, die man nicht messen konnte – an Energien, an Zeichen, an das Wissen der Hände. Vielleicht war sie die Erste, die mein späteres Mandala-Wesen erkannte, lange bevor ich selbst davon wusste.
Jahre später, in einer Phase meines Lebens, in der alles auseinanderzufallen schien – Beziehungen, berufliche Wege, mein inneres Gleichgewicht – saß ich eines Abends erschöpft auf dem Boden meiner Wohnung. Es war still, beinahe unangenehm still. Kein Handy, kein Radio, nur mein Atem. Ohne großen Plan griff ich nach einem Blatt Papier und begann, einen Kreis zu ziehen. Nicht perfekt, eher zittrig. Und dann noch einen. Und noch einen. Etwas in mir beruhigte sich. Als würde mein Inneres sagen: „Ah, da bist du ja endlich.“
Mandalas sind für mich keine bloßen Zeichnungen. Sie sind Portale. Jeder Kreis ist eine Einladung, nach innen zu gehen. In der Esoterik spricht man oft davon, dass der Kreis kein Anfang und kein Ende hat – er ist das Symbol des Universums, der Seele, der ewigen Wiederkehr. Als ich begann, Mandalas bewusst zu zeichnen, verstand ich plötzlich, warum mich diese Form mein Leben lang begleitet hatte. Der Kreis hielt mich. Er gab mir Struktur, wo mein Geist zerstreut war.
Ich erinnere mich an ein Mandala, das ich während einer besonders dunklen Zeit zeichnete. Ich war krank, körperlich wie seelisch, und hatte das Gefühl, dass mein Leben in fremde Hände geraten war. Während ich zeichnete, begann ich intuitiv mit dunklen Farben im Zentrum – Schwarz, tiefes Blau, erdiges Braun. Erst später, Schicht für Schicht, kamen hellere Farben dazu. Gold, Türkis, ein zartes Rosa. Als ich fertig war, begriff ich: Ich hatte meinen Heilungsprozess visualisiert, ohne ihn zu planen. Das Mandala wusste, wohin es wollte – ich musste nur folgen.
In spirituellen Lehren heißt es oft, dass wir nicht die Schöpfer sind, sondern die Kanäle. Beim Mandala-Zeichnen fühle ich mich genau so: als Kanal. Meine Hand bewegt sich manchmal schneller, als mein Verstand folgen kann. Linien entstehen, die ich nicht „ausgedacht“ habe. Es ist, als würde eine andere Ebene durch mich sprechen – ruhig, geduldig, wissend. Manche nennen es das höhere Selbst, andere die Quelle, wieder andere schlicht Intuition. Ich nenne es Vertrauen.
Ein besonders prägender Moment war eine Meditation, die ich vor Jahren in den Bergen erlebte. Nach Stunden der Stille sah ich innerlich ein Mandala aus Licht, pulsierend, lebendig. Es veränderte sich ständig, ohne je seine Harmonie zu verlieren. Dieses Bild begleitet mich bis heute. Jedes Mal, wenn ich ein Mandala zeichne, versuche ich nicht, dieses Bild zu kopieren – sondern mich an das Gefühl zu erinnern, das es ausgelöst hat: Verbundenheit. Mit mir selbst. Mit allem.
Mandalas lehren Geduld. Sie verzeihen keine Hast. Jeder Strich ist eine Entscheidung, jede Wiederholung ein Versprechen an sich selbst, präsent zu bleiben. In einer Welt, die uns ständig antreibt, schneller zu sein, effizienter, produktiver, ist das Mandala ein stiller Akt des Widerstands. Es sagt: Du darfst hier sein. Jetzt. Ohne Ziel.
Viele Menschen fragen mich, ob man Mandalas „richtig“ oder „falsch“ zeichnen könne. Ich lächle dann. Denn Mandalas sind ehrlich. Sie zeigen, was ist. Ein unruhiger Geist zeichnet andere Muster als ein ruhiger. Und beides ist vollkommen in Ordnung. In alten spirituellen Traditionen wurden Mandalas nicht zur Dekoration geschaffen, sondern zur Selbsterkenntnis. Sie waren Spiegel der Seele, Landkarten des inneren Kosmos.
Heute ist das Mandala-Zeichnen für mich ein Ritual. Ich zünde oft eine Kerze an, atme bewusst, bevor ich beginne. Manchmal spreche ich eine leise Intention: Klarheit, Heilung, Dankbarkeit. Manchmal lasse ich alles offen. Beides hat seinen Platz. Das Mandala entscheidet mit.
Wenn ich auf meinen Weg zurückblicke, erkenne ich, dass mich das Mandala nicht verändert hat – es hat mich erinnert. An das, was immer da war. An die Weisheit der Wiederholung, an die Kraft der Stille, an die Schönheit der Ordnung im scheinbaren Chaos. Und vielleicht ist das die größte spirituelle Wahrheit, die ich durch das Zeichnen gelernt habe: Dass wir nicht mehr werden müssen, sondern uns nur wieder erkennen dürfen. Im Kreis. Immer wieder.